In einer 17-seitigen Vorlage, die zuvor bereits im Finanz- und im Hauptausschuss Thema gewesen war, spricht die Stadtverwaltung dem Großvorhaben „aufgrund seiner Lage und seiner Funktion herausragende städtebauliche Bedeutung für die Entwicklung der Innenstadt“ zu. Diese Haltung unterstrich auch Bürgermeister Sebastian Wagemeyer im Rat. „Ich persönlich bin felsenfest davon überzeugt, dass das eines der zentralen und wichtigsten Projekte für Lüdenscheid ist“, sagte der 49-Jährige. Nach Jahren des Still- und des Leerstands brauche es an diesem prominenten Platz in der City Mut und kreative Ideen, argumentierte Wagemeyer in der kontrovers geführten Diskussion unter den Stadtverordneten.
Das P&C-Gebäude, direkt an der Ecke Sternplatz Wilhelmstraße und damit im Herzen der Innenstadt gelegen, steht seit etlichen Jahren leer und wirkt äußerlich zunehmend heruntergekommen. Die Folge ist laut Sitzungsvorlage ein „anhaltender Trading-down-Effekt“ für die „umliegenden Bereiche in der unteren Wilhelmstraße“, also sinkende Attraktivität der Geschäfte und Angebote – und damit eben auch der Aufenthaltsqualität.
Neubau soll Innenstadt attraktiver machen
Das soll sich durch den Abriss des seit etlichen Jahren leerstehenden Geschäftshauses und den anschließenden Neubau einer Multifunktions-Immobilie ändern. Die soll auf einer Gesamtfläche von rund 8000 Quadratmetern auf mehreren Etagen Verwaltungs- und Büroräume beherbergen sowie im Erdgeschoss Flächen für Einzelhandel und Gastronomie. Ebenfalls geplant sind eine Mehrzweckhalle für Sport-, Kultur- und sonstige Veranstaltungen sowie ein begrünter Innenhof, Pkw- und Fahrradstellplätze, Photovoltaik-Anlagen und Dachbegrünung. Im September 2025 stellte der Projektentwickler Midstad, der Abriss und Neubau übernehmen würde, das Vorhaben in allen Details vor.
Die moderne Multifunktions-Immobilie soll mit ihren Möglichkeiten entscheidend dazu beitragen, die Innenstadt zu stärken, die Aufenthaltsqualität zu erhöhen und Lüdenscheid attraktiv für renommierte Geschäfte mit einem hochwertigen Angebot zu machen. Davon wiederum profitiere der gesamte Einzelhandel, heißt es in der Vorlage.
Eigentum statt Mietzahlungen für städtische Büros
Ein weiterer wesentlicher Faktor für die Stadtverwaltung sind die räumlichen Möglichkeiten und der Standort: Rund 200 Arbeitsplätze für städtische Mitarbeitende würden sich nach aktuellen Berechnungen in den Büros des Neubaus unterbringen und nach modernen Erfordernissen einrichten lassen – und das in direkter Nachbarschaft zum Rathaus. Passend zum städtischen Eigenbedarf. Mit der Konzentration im Stadtzentrum böten sich der Stadt „räumliche, technische und personelle Synergien“. Zudem könnte die Verwaltung die Mietverträge für neun externe Standorte, an denen etwa 250 Mitarbeitende derzeit untergebracht sind, kündigen – unter anderem an der Schillerstraße, Lutherstraße und Bahnhofstraße. Das würde auch die Wege für Bürger verkürzen.
Stichwort Miete: Ursprünglich war die Stadt als Ankermieter für die Multifunktions-Immobilie im Gespräch gewesen. Inzwischen sieht die Verwaltung aber einen Kauf vor. Dafür wären – Stand jetzt – 43 Millionen plus Erwerbsnebenkosten in Höhe von 4,5 Millionen Euro fällig, unterm Strich also 47,5 Millionen Euro. Das sei viel Geld, „insbesondere vor dem Hintergrund der mehr als angespannten Haushaltssituation der Stadt“, räumt die Verwaltung ein.
Aber: Konservativ gerechnet, müsste die Stadt im Jahr 2031 rund 900.000 Euro Miete für die oben erwähnten externen Standorte zahlen. Ein Betrag, der in den Folgejahren durch zu erwartende Preissteigerungen auf bis zu 1,5 Millionen Euro jährlich anwachsen könnte. Würden diese Mietverhältnisse gekündigt, wäre Geld zur Gegenfinanzierung frei, das also direkt in den Kredit zum Kauf des Neubaus und dessen Bewirtschaftung fließen könnte.
Trotz Risiken “wirtschaftlich vertretbar”
Als Eigentümerin der Multifunktionsimmobile würde die Stadt außerdem Einnahmen aus der Vermietung der Flächen für Einzelhandel und Gastronomie sowie der Mehrzweckhalle einnehmen. Interessant dabei: Für dieses Flächentrio könnte Midstad „über einen Zeitraum von voraussichtlich zehn, ggf. auch 15 Jahren“ eine Mietgarantie übernehmen, heißt es in der Vorlage. Dadurch würde das Vermietungsrisiko für die Stadt über einen langen Zeitraum entfallen, während gleichzeitig vertraglich abgesicherte Einnahmen garantiert wären. Ein weiterer Punkt: Durch den Kauf würde die Stadt einen Vermögenswert „an einer zentral gelegenen, strategisch wichtigen Innenstadtimmobilie“ schaffen und bei der weiteren nachhaltigen Entwicklung der City alle Fäden in der Hand halten.
Bleibt die Frage nach den Risiken für einen Kauf. In der Vorlage werden unter anderem Bauverzögerungen, höhere als erwartete Instandhaltungskosten, ein „Steckenbleiben des Baus“, zukünftige Entwicklungen am Markt und die Frage der Vermietung der Flächen für Handel und Gastronomie sowie der Halle genannt.
Aber: „Unter Berücksichtigung der vorliegenden Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Vertragsregelungen erscheint der Erwerb geeignet, die strategischen Ziele der Stadtentwicklung zu unterstützen, und auch unter Berücksichtigung bestehender Risiken wirtschaftlich vertretbar“, heißt es in der Vorlage abschließend. „Hierfür sind aber im weiteren Prozess noch entsprechende vertragliche Grundlagen zu legen, die die Fragen der Gewährleistung und Haftung, von Einfluss- und Änderungsrechten, Sicherheiten sowie Insolvenzschutz für die Stadt angemessen zu regeln.“
Lüdenscheid, 14. Juli 2026