Familie von Holocaust-Überlebendem Fred Behrend zu Gast in Lüdenscheid

Rund 90 Jahre nachdem seine Familie aus Lüdenscheid vertrieben wurde, ist die Geschichte von Fred Behrend in seine Geburtsstadt zurückgekehrt: Am Dienstag, 7. Juli, empfing Bürgermeister Sebastian Wagemeyer die Tochter und die Enkelin des heute in New Jersey (USA) lebenden Holocaust-Überlebenden im Karl-Grün-Saal des Rathauses.

Im November wird Fred Behrend 100 Jahre alt. Geboren 1926 in Lüdenscheid, musste er als Kind miterleben, wie seine Familie durch Ausgrenzung und Verfolgung ihre Heimat verlor: Nach der Reichspogromnacht 1938 und der Inhaftierung seines Vaters im KZ Sachsenhausen floh die Familie 1939 über Kuba in die USA. In New York baute sich Fred Behrend ein neues Leben auf – seine Erinnerungen hat er in dem Buch „Rebuilt from Broken Glass“ festgehalten. Bereits Anfang der 1990er-Jahre hatte er selbst Lüdenscheid mehrmals besucht.

Nun setzten seine Tochter Evelyn Behrend und seine Enkelin Elisha Behrend diesen Weg fort. Organisiert hatte den Besuch der Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid (GHV), maßgeblich durch Hans-Ulrich Dillmann, Autor des 2021 vom GHV herausgegebenen Buches „Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Lüdenscheid“, in dem auch der Lebensweg von Fred Behrend dokumentiert ist.

“Erinnerung braucht Namen”

In seiner Begrüßungsrede würdigte Bürgermeister Sebastian Wagemeyer den Besuch als bewegenden Moment für die Stadt. Fred Behrend habe in seinem Buch eindrucksvoll beschrieben, wie eine glückliche Kindheit in Lüdenscheid Schritt für Schritt durch Ausgrenzung und Demütigung zerstört wurde. „Es erinnert uns daran, dass Unrecht nicht plötzlich entsteht. Es beginnt dort, wo Menschen schweigen", so Wagemeyer.

Besonders hob der Bürgermeister hervor, dass sich Fred Behrend trotz des erlittenen Unrechts nicht von Bitterkeit habe leiten lassen, sondern immer wieder den Weg zurück nach Lüdenscheid gesucht habe – „weil er daran glaubte, dass Erinnern Brücken bauen kann". Mit ihrem Besuch würden Evelyn und Elisha Behrend diesen Weg nun fortsetzen und der Geschichte ihrer Familie ein Gesicht geben.

Wagemeyer kündigte zudem an, dass im November – zum 100. Geburtstag von Fred Behrend – in Lüdenscheid Stolpersteine für die Familie Behrend verlegt werden. „Sie machen sichtbar, dass hinter den unfassbaren Verbrechen des Nationalsozialismus keine anonymen Zahlen stehen, sondern einzelne Menschen – Menschen mit Gesichtern, Träumen und Zukunftsplänen“, sagte der Bürgermeister. Die Stadt könne das erlittene Leid nicht ungeschehen machen, wohl aber Verantwortung übernehmen, sich der eigenen Geschichte stellen und den Opfern ihre Namen zurückgeben.

 

Im Anschluss an den Empfang führte der Besuch die Gäste ins Geschichtsmuseum Lüdenscheid, wo Museumsleiter Dr. Eckhardt Trox die Familie begrüßte. Weitere Stationen des Tages waren Rundgänge zu verschiedenen Erinnerungsorten in der Stadt sowie ein Besuch der Ge-Denk-Zellen.

Der Besuch der Familie Behrend reiht sich damit in eine lange Reihe von Begegnungen ein, mit denen sich Lüdenscheid seiner NS-Vergangenheit stellt – und die zugleich zeigen, dass Erinnerungsarbeit über Generationen hinweg fortwirkt. 

Lüdenscheid, 8. Juli 2026

Elisha und Evelyn Behrend zusammen mit Bürgermeister Sebastian Wagemeyer (v.l.).
Foto: Schulte-Zakotnik