Schnell zeigte sich jedoch, dass der Propeller nur ein Teil eines weit größeren und historisch bedeutsamen Fundes war. “Ihn zu entsorgen wäre keinesfalls eine Option gewesen”, so Ursula Delhougne. So kam zunächst ein spezialisiertes Kriegs- oder Luftfahrtmuseum als möglicher Aufbewahrungsort in Frage. Doch der Fund erwies sich als so eng mit Lüdenscheid verbunden, dass schnell feststand: Die Museen der Stadt sind die passende Adresse
Denn es stellte sich heraus, dass dieser Propeller nur das größte und vielleicht spektakulärste Objekt eines sehr umfangreichen und bedeutenden Konvoluts von Objekten, Unterlagen, Briefen und Foto-Dokumenten ist, welches Wolfgang Utsch anlässlich einer Renovierung auf dem Dachboden seines Elternhauses gefunden hatte. Der Nachlass seines Vaters dokumentiert nahezu lückenlos die Entwicklung eines jungen Lüdenscheiders, der in den 1930er- und 1940er-Jahren eine typische Laufbahn innerhalb der nationalsozialistischen Organisationen und der Wehrmacht durchlief. Briefe, Fotografien und persönliche Unterlagen ermöglichen eine detaillierte Rekonstruktion seiner politischen Entwicklung und seiner militärischen Einsätze auf dem europäischen Kriegsschauplatz.
Zunächst begann Heinz Utsch mit 14 Jahren eine Ausbildung als Technischer Zeichner bei den Lüdenscheider Metallwerken. Nach Abschluss der Ausbildung im Jahr 1930 folgte eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit. Ab 1931 übt er seinen Beruf bei der Firma Kostal aus. Doch bereits ab 1931 verlagerten sich seine Interessen: Er wurde Mitglied der Lüdenscheider SA und trat der NSDAP bei. In der SA stieg er schon bald zum Truppführer auf. Im Frühjahr 1934 kündigte er seine Stelle bei Kostal und verpflichtete sich zunächst für 4 ½ Jahre bei der Wehrmacht. Ab November 1936 nahm er als Fernaufklärer an der sogenannten „Winteroperation Rügen“ teil und gehörte damit zur Legion Condor, die im Spanischen Bürgerkrieg die nationalistischen Truppen unter Franco unterstützte. Ab 1938 folgten weitere Ausbildungen und Einsätze. Seit Kriegsbeginn 1939 war er in unterschiedlichen Funktionen an mehreren Frontabschnitten im Westen und später an der Ostfront eingesetzt.
Nach Kapitulation und Kriegsgefangenschaft im Frühjahr/Sommer 1945 und mit Beginn der Nachkriegszeit setzte Heinz Utsch seine berufliche Karriere wieder in der Lüdenscheider Metallverarbeitung fort.
Wolfgang Utsch hat sich entschieden, die Sammlung den Museen der Stadt zu übergeben, damit diese privaten Zeugnisse wissenschaftlich zugänglich werden und für die weitere Erforschung der lokalen Geschichte im Nationalsozialismus genutzt werden können. Die Vernichtung oder Entsorgung des Konvoluts sind für ihn keine Optionen mehr. Vielmehr liegt ihm daran, dass die Fotos, Dokumente, Briefe und zahlreichen Objekte als Zeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus dauerhaft in den Museen der Stadt bewahrt, dokumentiert und historisch aufgearbeitet werden. Denn auch wenn es sich dabei um die Geschichte seiner Familie handelt, steht sie exemplarisch für die politischen Prägungen und die ideologischen Bindungen vieler deutscher und auch mancher Lüdenscheider Familien.
“Gerade heute, in einer Zeit, in der autoritäre Tendenzen weltweit wieder an Einfluss gewinnen und extremistische Positionen in digitalen Räumen verstärkt sichtbar werden, ist es wichtig, die historischen Mechanismen zu verstehen, die solche Entwicklungen begünstigen. Die Sammlung leistet hierzu einen wertvollen Beitrag”, sagt Ursula Delhougne.
Lüdenscheid, 18. Juni 2026