Drei Stolpersteine erinnern an die Familie Behrend
Fred Behrend an seinem 100. Geburtstag aus den USA zugeschaltet – Tochter Evelyn und Sohn Andrew vor Ort dabei
Drei Stolpersteine vor dem Haus Wilhelmstraße 42 erinnern seit Dienstag, 3. November, an Hermann, Else und ihren Sohn Fred Behrend. Die Verlegung fand an einem besonderen Tag statt: Der in Lüdenscheid geborene Holocaustüberlebende Fred Behrend feierte seinen 100. Geburtstag. Beim anschließenden Empfang im Alten Rathaus war er per Video aus den USA zugeschaltet. Seine Tochter Evelyn und sein Sohn Andrew nahmen vor Ort teil.
„Wir hätten uns damals nie vorstellen können, dass eines Tages unsere Namen in dieser Straße verlegt werden. Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen, meinen Geburtstag zu feiern“, sagte Fred Behrend.
Rund 40 Gäste kamen zur Verlegung vor dem heutigen Café Moon zusammen. Auf Initiative des Geschichts- und Heimatvereins Lüdenscheid setzten Mitarbeiter des Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetriebs Lüdenscheid (STL) die drei Gedenksteine in das Pflaster ein. Die Familie Behrend hatte hier bis 1938 das Bekleidungs- und Modegeschäft „Robert Stern“ geführt. Die Stolpersteine halten ihre Namen im Stadtbild sichtbar und erinnern an die nationalsozialistische Verfolgung und die erzwungene Flucht der Familie.
Erinnerung und Verantwortung
Beim anschließenden Termin im Alten Rathaus kamen das Gedenken an die Familiengeschichte und die Glückwünsche zum Geburtstag zusammen. Bürgermeister Sebastian Wagemeyer gratulierte Fred Behrend im Namen der Stadt. „Gerade heute, an Ihrem 100. Geburtstag, ist uns dabei eines besonders wichtig: Wir sprechen nicht nur über Vergangenheit. Wir sprechen mit Ihnen.“
Die Stolpersteine bringen die Erinnerung an die Familie in den Alltag der Stadt. Wagemeyer hob in seiner Rede zugleich die Verantwortung hervor, die daraus für die Gegenwart erwächst: „Erinnerung muss sich auch darin zeigen, wie wir heute miteinander umgehen. Ob wir widersprechen, wenn antisemitische Vorurteile geäußert werden. Ob wir hinschauen, wenn Menschen ausgegrenzt oder bedroht werden.“
Auch Evelyn Behrend verband das Erinnern mit einem Appell zum Handeln: „Menschen müssen sich entscheiden – handeln oder schweigen.“ Zugleich betonte sie die Bedeutung von Begegnung und Verständigung: „Wir können nicht ändern, was geschehen ist, aber wir können Brücken bauen. Wir bauen diese Brücken gemeinsam.“ An die Beteiligten in Lüdenscheid richtete sie den Dank: „Danke, dass Sie ihre Namen in Erinnerung behalten.“
Neben Wagemeyer sprachen die Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, Dr. Arnhild Scholten, und der Historiker Dr. Dietmar Simon. Natascha Winter und Tobias Schwarz gestalteten den Empfang musikalisch mit einem Lied von Kurt Weill. Informationstafeln des Gedenkzellenvereins ergänzten die Veranstaltung um Einblicke in die jüdische Geschichte Lüdenscheids. Zum Abschluss ging es gemeinsam zum Café Moon in der Wilhelmstraße 42.
Eine Familiengeschichte zwischen Lüdenscheid und den USA
Fred Behrend wurde am 3. November 1926 in Lüdenscheid geboren. Am 10. November 1938 wurde sein Vater Hermann verhaftet und zunächst in den Arrestzellen des Alten Rathauses festgehalten. Anschließend wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Er kam unter der Auflage frei, Deutschland mit seiner Familie zu verlassen. Im Februar 1939 gelang der Familie die Flucht über Kuba; 1940 erreichte sie die Vereinigten Staaten.
1990 kehrte Fred Behrend auf Einladung der Stadt erstmals nach Lüdenscheid zurück. Im Juli dieses Jahres waren seine Tochter Evelyn und seine Enkelin Elisha zu Gast. Ihr Besuch gab den Anstoß zur Verlegung der Stolpersteine. Mit den drei Gedenksteinen hat die Erinnerung an die Familie nun einen dauerhaften Ort vor ihrem ehemaligen Geschäftshaus erhalten.
Lüdenscheid, 3. November 2026