Das Gebäude Corneliusstraße 1 im Jahr 2004
Das Gebäude Corneliusstraße 1 im Jahr 2004

Die Corneliusstraße zeichnet den Verlauf des ehem. Stadtgrabens, der bereits 1723 eingeebnet war, nach. Die Reste der Stadtmauer verschwanden erst 1816, als mit der Bebauung am ehem. Westtor begonnen wurde. Das Grundstück Corne­liusstraße 1 wurde vermutlich bis 1830 erstmals bebaut. Die Errichtung eines Wohn- und Geschäftshauses kurz vor dem 1. Weltkrieg an einer Nebenstraße im Innenstadtbereich weist auf die wirtschaftliche Situation Lüdenscheids zu dieser Zeit hin: Entlang der Hauptdurchgangsstraße Lüdenscheids sind im letzten Viertel des 19.Jh. fast durchgehend Neubauten entstanden; die Er­richtung eines repräsentativen Wohn- und Geschäftshauses im Lüdenscheider Innenstadtbereich während des 1. Viertels des 20.Jh. war deshalb nur noch an den Nebenstraßen - in möglichst großer Nähe zur Hauptstraße - realisierbar. Diese Situation, die sich noch heute anhand der Bebauung der Wilhelmstraße ablesen läßt, belegt Lüdenscheids Entwicklung zum regionalen Zentrum nicht nur hinsichtlich der Industrieansiedlung, sondern auch des Handels.

Die Kombination eines Geschäftsraumes (im Erdgeschoß) und von Wohnräumen (in den Obergeschossen) folgt dem traditionellen, jahrhundertalten Typus des Wohn- und Geschäftshauses; die geschoßweise Trennung beider Funktionen und die Anlage großer Schaufenster entspricht der allgemeinen, Ende des 19.Jh. einsetzenden Entwicklung. Infolge der modernen Ladenumbauten haben sich aber nur wenige Wohn- und Geschäftshäuser in der ursprünglichen Gliederung er­halten. Deshalb ist es von besonderem Wert, daß sich bei dem Gebäude Corneliusstraße 1 nicht nur die Raumfolge im Obergeschoß erhalten hat, sondern auch die Schaufensteranlage einschließlich des leicht zurückgelegenen Ladeneingangs in der ursprünglichen Form überliefert ist.
Das Gebäude Corneliusstraße 1 im Jahr 2004
Das Gebäude Corneliusstraße 1 im Jahr 2004

Die Andeutung eines rustizierten Erdgeschosses, die Zusammenbindung der Obergeschosse durch Kolossalordnung und die Andeutung eines Attikageschosses durch die Dachneigung und das abmontierte, noch vorhandene Gitter greifen auf die Palastarchitektur zurück, wie sich dies bei zahlreichen Kaufhäusern des späten 19.Jh. und beginnenden 20.Jh. findet. Die Detailausbildung und die geringe Plastizität jedoch weisen deutliche Züge der Erbauungszeit auf. Der Rückgriff auf Stilelemente vergangener Epochen mag durch die Nähe zu den historischen Gebäuden entlang der Wilhelmstraße motiviert sein; möglicher­weise war daneben auch beabsichtigt, dem Geschäft durch die in gewissem Maße konservative Gestaltung der Hauptfassade den Charakter eines alt einge­sessenen Unternehmens zu verleihen.

Aufgrund seines hervorragenden Überlieferungszustands ist das Gebäude außer­dem geeignet, Einblicke in die Wohn- und Arbeitsverhältnisse eines Geschäfts­mannes während des 1. Drittels des 20.Jh. in einem regionalen Zentrum zu vermitteln: Während in den Großstädten im Laufe des 1. Drittels des 20.Jh. eine Konzentration des Warenangebots in großen, umfassenden Kaufhäusern angestrebt wird und dies Anlaß zu Kaufhausneubauten bietet, wird in Lüden­scheid an dem traditionellen Wohn- und Geschäftshaus festgehalten.

Als gut erhaltenes Beispiel für ein Wohn- und Geschäftshaus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg in einem regionalen Zentrum nimmt das Gebäude Corneliusstra­ße 1 eine wichtige Stellung innerhalb der historischen Entwicklung dieses Haustyps ein.

Das Gebäude befindet sich in Privateigentum und wurde am 04. Juli 1991 in die Denkmalliste der Stadt Lüdenscheid eingetragen.