84. Weißenburger Straße 14 (Pestalozzischule)

Weißenburger Straße 14 (2016)
Weißenburger Straße 14 (2016)

Die evangelischen Volksschulen

Mit dem starken Bevölkerungswachstum nahm die Zahl der evangelischen Schul­kinder schon im ersten Jahrzehnt nach der Reichsgründung (1872 bis 1879) um 87 Prozent auf 1 569 zu'. Von da an stieg ihre Zahl stetig, wenn auch prozentual geringer, auf 4650 im Jahr 1907, um dann langsam bis zum Ersten Weltkrieg abzusinken. Ein Teil der Schüler konnte von den Fabrikenschulklassen aufgefangen werden, deren Zahl 1872 auf drei, 1876 auf vier erhöht wurde, eine organisatorische Notlösung, sicherlich aber auch in erster Linie ein Zeichen für die Notlage vieler Neubürger, die auf den zusätzlichen Verdienst ihrer Kinder angewiesen waren. Infolge des starken Einsatzes von Maschinen sank die Zahl dieser Klassen 1889 wieder auf drei. 1891 erschien dann ein Gesetz, das die Beschäftigung noch schulpflichtiger Kinder in den Fabriken verbot. Damit war das Ende der Fabriken­schule gekommen. Parallel zu ihr hatte sich die Zahl der Volksschulklassen von 1872 bis 1884 um fast das Doppelte von 12 auf 23 erhöht. Die beiden 1856 bezogenen neuen Schulen, die Nord- und die Südschule, konnten diese Schülermengen nicht mehr fassen. Die Stadt verwirklichte deshalb ab 1884 in den neu entstehenden Stadtteilen ein Schulprogramm, das bis 1910 den Unterrichtsbedarf decken konnte. Es wurden gebaut und eröffnet

1884 die Kluser Schule, die 1888 auf acht Klassenräume erweitert wurde, 1887 die Knapper Schule, die 1895 auf zehn, 1898 auf 15 Klassenräumevergrößert wurde,

1892 die ,, höhere Töchterschule" am Sauerfeld, so daß ihre bisherige Unterkunft, die ..Aula" in der Schulstraße (heute Corneliusstraße) ganz als Volksschulegenutzt werden konnte,

1897 die Ostschule (heute Pestalozzischule),

1901 die Tinsberger Schule,

1906 die Worthschule im ehemaligen Waisenhaus in der Worthstraße, die der Tinsberger Schule unterstellt war und nur bis 1914 bestand,

1908 die Westschule und - im selben Gebäude - die Seminarübungsschule,

1913
die Hilfsschule am Sauerfeld.

 

Eine undatierte Ansciht der damaligen Ostschule
Eine undatierte Ansciht der damaligen Ostschule

Die 1816 erfolgte Aufteilung der Volksschule in drei Klassen mit jeweils mehreren Jahrgängen (Unter-, Mittel- und Oberstufe) wurde bis 1865 beibehalten. Aber schon 1862 mußten drei dieser Systeme eingerichtet werden: zwei an der Süd- und eins an der Nordschule. 1864 hatten dann die drei Klassen der Unterstufe insgesamt 389 Schüler; jeder Klassenraum konnte aber nur höchstens 110 Schüler fassen, so daß etwa 60 Schüler keinen Platz mehr fanden. Deshalb richtete man 1865 die vierte Klasse ein, eine Sammelklasse nur für Lernanfänger. Das waren damals 135 Kinder.

Nach dem 1. Schuljahr kamen die Kinder in eins der drei dreistufigen Systeme, in denen die dritte Klasse das 2. und 3., die zweite Klasse das 4. und 5. und die erste Klasse das 6. bis 8. Schuljahr umfaßten. Mit den beiden Klassen der Fabrikenschule waren es 1865 damit 976 Schüler. 1877 entstand die sechsklassige Schule, in der nur noch die beiden oberen Klassen mehrere Jahrgänge umfaßten: die zweite Klasse das 5. und 6. und die erste Klasse das 7. und 8. Schuljahr. 1894 wurde die siebenklassige Schule eingeführt, in der nur noch in der ersten Klasse zwei Jahrgänge (7. und 8. Schuljahr) saßen.

Diese Gliederung blieb bis 1921. 1894 waren es bei 40 Klassen 3186, 1914 bei 80 Klassen 4235 Schüler. Die Durchschnittsschülerzahl pro Klasse belief sich 1872 noch auf 87, nahm aber dann kontinuierlich ab und erreichte 1914 53. immer noch eine hohe Zahl, die es bei einem täglichen Unterricht von sechs bis sieben Stunden verständlich macht, daß der Lehrer ohne ,,Zucht und Ordnung" nicht auskam, wollte er seinen Schülern das an Wissen und Fertigkeiten vermitteln, was sie als Rüstzeug für das Leben brauchten. Daß dies in vorbildlicher Weise geschah, ist schon oft genug anerkannt worden. Die Vergütung, die der Lehrer dafür erhielt, war gering. Sie betrug 1907 erst 125,- Mark monatlich im Grundgehalt. Unter den Unterrichtsfächern nahm Religion eine besondere Stellung ein: allein in der zweiten und ersten Klasse, also für das 5. bzw. 6. bis 8. Schuljahr, waren fünf Stunden Religion vorgesehen, nicht zuletzt auch als Vorbereitung für die Konfirmation. Sie wurden deshalb von einem Pfarrer gegeben.

Der Eingang zur Pestalozzischule
Der Eingang zur Pestalozzischule

Die Leitung einer Schule lag erst ab 1887 in den Händen eines Hauptlehrers. Dann wurde Karl Sattler von der höheren Stadtschule in Hattingen als Gesamtrektor berufen mit den Befugnissen eines ständigen Schulaufsichtsbeamten der Stadt. 1893 trat er sein Amt an. Später erhielten die Tinsberger-, Ost- und Knapper Schule je einen eigenen Rektor, nach dem Ersten Weltkrieg alle anderen Schulen. Die Schulen unterstanden immer noch der geistlichen Schulaufsicht, die von Pastor Proebsting als nebenamtlich tätigem Kreisschulinspektor wahrgenommen wurde, bis 1911 dafür ein hauptamtlicher Schulrat für Stadt und Amt Lüdenscheid und die Ämter Halver. Kierspe und Meinerzhagen angestellt wurde.

Ab 1897 wurde an schulfreien Nachmittagen ein Nachhilfeunterricht für schwach begabte Kinder nötig, aus dem 1903 eine, 1904 schon zwei, 1906 drei und 1913 vier Klassen entstanden, die dann als ..Hilfsschule" das bis dahin von der Seminarschule belegte Gebäude am Sauerfeld bezogen, nachdem sie zuerst im ..Alten Kranken­haus" an der Hochstraße untergebracht waren.

Für die Ausbildung von Volksschullehrern war schon 1875 von Pastor Rottmann als Kreisschulinspektor eine private Präparanden-Anstalt eingerichtet worden, die 1885 wegen Mangels an Nachwuchs wieder geschlossen wurde. 1908 wurde im oberen Stockwerk der Westschule ein Lehrerseminar mit einer Seminar- und einer Präparan-denklasse eröffnet, das 1913 das neu erbaute Seminargebäude an der Buckesfelder Straße bezog und dort bis zu seiner Auflösung 1925 blieb.

Die Darstellung der Geschichte der evangelischen Volksschulen in Lüdenscheid ist entnommen aus:

Geschichte der Stadt Lüdenscheid 1813 - 1914,S. 234, 235, Günter Deitenbeck, 1985 hrsg. von der Stadt Lüdenscheid

Das Gebäude der heutigen Pestalozzischule steht im Eigentum der Stadt Lüdenscheid und wurde am 08. Mai 1989 unter der laufenden Nummer 84 (Weißenburger Straße 14) in die Denkmalliste der Stadt Lüdenscheid eingetragen.