194. Freiherr-vom-Stein-Straße 9 (Kulturhaus)

Denkmalumfang:

Das Denkmal umfasst das gesamte Innere und Äußere des Gebäudes. Weiterhin gehören die Substruktionsmauern, die Erschließungstreppen, Pergolen, Zufahrten, Zuwegungen und Restaurantterrassen zum Denkmal.

Zur Entstehungsgeschichte:

1897 begann das „Theater in Lüdenscheid“ mit Gastspielen aus anderen Städten, die meist in der Nebensaison in die Stadt kamen. Ab 1904 nannte man sich „Stadttheater Lüdenscheid“ und bot auch während der Hauptsaison Aufführungen an. Spielort war meist das Hotel zur Post an der Ecke Knapper Straße/Rathausplatz. Es waren weniger die „Klassiker“ als Volkstheaterstücke, die zur Aufführung kamen. 1910 waren die Besucherzahlen so hoch, dass der Plan aufkam, in der Unterstadt ein eigenes Theater zu bauen. Allerdings änderte sich der Trend in den nächsten Jahren und 1912 wurde der Plan wieder fallengelassen.

Während das Interesse an Theater in Lüdenscheid allgemeinhin nicht sehr ausgeprägt war, war der Wunsch, Konzerten jeglicher Art beizuwohnen, recht verbreitet.[1]

In den Nachkriegsjahren 1947/48 entstand sogar kurzzeitig ein eigenes Theaterensemble, das jedoch mit der Währungsreform wieder aufgeben musste. Später wurden von der Kunstgemeinde Lüdenscheid im Parktheater Tourneetheateraufführungen organisiert. Einen eigenen Konzertsaal gab es ebenfalls nicht. [2]

1968 wurde in Lüdenscheid – wie auch in vielen anderen Städten der Bundesrepublik – über die Errichtung eines großen Kulturzentrums mit Theater- und Festsaal diskutiert, das zugleich als Volkshochschule, Stadtbücherei und Musikschule dienen könnte.

Zunächst plante man, das Theater- und Konzertgebäude mit dem projektierten „Bergstadtgymnasium“ zusammen zu errichten und die Schulaula entsprechend auszustatten. Als sich jedoch die Möglichkeit eröffnete, das Gelände zwischen Sauerfelder-, Freiherr-vom-Stein-, Graben- und Schillerstraße zu bekommen, begann man, hier ein großes Kulturzentrum zu planen. [3]

1972 wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, der im 1. Bauabschnitt ein Theater- und Konzertgebäude, im 2. Bauabschnitt einen großen Festsaal und im 3. Bauabschnitt Räume für kulturelle Einrichtungen der Stadt vorsah. Obwohl das Architekturbüro Gutbrod/Billing/Peters und Ruff (Stuttgart) aus diesem Wettbewerb mit dem 4. Preis hervorging, bekamen es 1974 den Auftrag.[4]

Baubeginn war Juni 1978, fertiggestellt wurde der Bau im November 1981. Der umbaute Raum beträgt ca. 42.300 m³, die Nutzfläche 8.826 m².



[1] Günther Deitenbeck, Geschichte der Stadt Lüdenscheid 1913-1914, Lüdenscheid 1985, S. 257-263.

[2] Otto Bussemer, Kulturhaus Lüdenscheid. Vom Grundstein zur Eröffnung, Lüdenscheid 1981, S. 1.

[3] Ebda. S. 1.

[4] Margot Dongus, Rolf Gutbrod. Studien über das Leben und Werk des Architekten, Tübingen 2002, S. 236.

Beschreibung:

Städtebauliche Situation:

Unmittelbar angrenzend an die Kernstadt, auf einem Terrain, wo sich Ende des 19. Jahrhunderts Unternehmer Villen in großen Gärten bauten, plante die Stadt Lüdenscheid ab 1972 ihr Kulturhaus. Das Gebäude würde sich am Rande der Kernstadt befinden und wäre durch die Sauerfelder Straße sehr gut mit dem PKW zu erreichen. Zudem würde der großräumige Baukomplex nur wenig der alten Bausubstanz in der Kernstadt zerstören und hätte zu allen Seiten einen Mindestabstand, um einerseits nach außen wirken zu können und andererseits die kleinteiligere Stadtarchitektur nicht zu bedrängen. Aufgrund der Reduzierung der Bauaufgabe konnte der südliche Teil des Grundstückes für die Grünanlage verwendet werden.

Das große Gebäude mit den aufwendigen Außenanlagen ist in ein von Norden nach Süden ansteigendes Hanggrundstück eingebettet. Während es sich auf der stadtzugewandten Nordseite kantig gibt und sich steil bis zu vier Geschossen auftürmt, wird das auf der Südseite eingeschossige Gebäude von einer Grünfläche umfangen. Daraus ergibt sich auch die Gestaltung der Umgebung, denn auf der nördlichen, stadtzugewandten Seite prägen Betonmauern, Treppen, Rampen und Stützen das Gelände, während es auf der Südseite durch ebenerdige Zuwegungen in einer verhältnismäßig weitläufigen Parkanlage nicht so unmittelbar konfrontiert.

Aus der Perspektive des Betrachters ergibt sich auf der Nordseite durch die hochaufragende Bebauung eine Fortsetzung des städtischen Raumes, die es nicht erlaubt zurückzutreten, um das gesamte Gebäude zu erfassen, die Südseite hingegen eröffnet durch den Park eine gewisse Weite, die es erlaubt zurückzutreten und das gesamte Gebäude in den Blick zu nehmen. Erst hier wird die skulpturale Gestalt des Bühnenturms wirksam, die die Untergeschosse des Gebäudes als Sockel nutzt, sich gegen den Kirchturm der Erlöserkirche abhebt, ihm aber in der Höhe nicht konkurriert.

 

Schließlich hat derselbe Architekt noch die große Glasfassade des Museums auf der anderen Seite der Sauerfelder Straße geplant, die nicht nur die beiden zum Museum gehörenden Villen verbindet, sondern mit ihrer konkaven Form auch auf das Kulturhaus reagiert und somit eine optische Platzeinfassung und einen inhaltlichen Zusammenhang der Kultureinrichtungen Lüdenscheids schafft.

Das Äußere:

Der Stahlbetonbau ist kaum verändert. Nur die Fenster und Holzverschalungen, die ursprünglich holzsichtig hell waren, sind heute nahezu schwarz lasiert.

Der mächtige Baukörper ist sowohl horizontal als auch vertikal in kristalline, polygonale Strukturen aufgeteilt, die die Baumassen in verschiedene, unerwartete Ansichten gliedern. So baut sich das breit gelagerte Gebäude nach oben auf und verjüngt sich zum skulptural ausgeformten, von allen Seiten sichtbaren Bühnenturm. An der Freiherr-vom Stein-Straße kommt das Kulturhaus der gegenüberliegenden Straßenbebauung am nächsten; Straßenführung und Fassade „bewegen“ sich gleichsam aufeinander zu. Die Fassade ist aufgeständert und der Fußweg wird durch einen Laubengang geführt. Darüber entwickelt sich eine zweigeschossige Fassade, die von unregelmäßig vorstehenden Erkern mit übereck- und schräg eingeschnittenen Fenstern bestimmt wird. Unmittelbar über dem oberen Fenstersturz beginnt die Kupfereindeckung, die übergangslos zum Dach verläuft und sich bis zur Bühnenturmspitze fortsetzt.

An der Schillerstraße, am nordöstlichen Ende des Gebäudes, befindet sich der Haupteingang zum Kulturhaus. Der zwischen Straße und Gebäude bestehende Freiraum dient der Zuwegung. Die Treppen beginnen an der nordwestlichen Grundstücksecke und steigen sanft im Wechsel mit Podesten, gerahmt von in Beton eingefassten Beeten zum Niveau der E 0-Ebene, wo sich der Eingang befindet, dem ein überdachter, kleiner Vorplatz vorgelagert ist. Von hier kann über eine Brückenkonstruktion, die die Tiefgarageneinfahrt quert, noch das Niveau E+1 erreicht werden, um direkt zum Foyer zu gelangen. Die hier angelegte Freiraumarchitektur dient zugleich als Substruktion für das im Hang stehende Gebäude.

Die langgestreckte Gebäudefassade ist in Abschnitte gegliedert, die in unterschiedlichen Winkeln zueinander verlaufen. Auch in den Geschossen gibt es unterschiedliche Verläufe, Vor- und Rücksprünge, die auch zur „Zergliederung“ der Wand beitragen. Die Fenster zum Teil als herkömmliche Lochfenster, zum anderen als großformatige Fensterelemente aufgefasst, sind entsprechend ihrer vom Innenraum zugewiesenen Funktion angeordnet, sodass sie auch keine durchgehende Geschossaufteilung wiedergeben. Im Treppenhaus steigen die Fenster mit der Treppe bandartige an, andere belichten einen kleinen Raum und liegen als Lochfenster in der Wand oder verlaufen übereck und dort, wo sich der große Treppenabsatz der Haupttreppe zum Foyer befindet, ist ein riesiges Fensterelement mit entsprechender Verstrebung angeordnet. Die Kupferabdeckung beginnt auch hier am oberen Fenstersturz, wird aber teils sehr viel weiter heruntergezogen, weist jedoch eine klare Kante zum Dach hinauf, sodass an der Nordfassade Wand- und Dachbereich klar voneinander getrennt sind.

Die Ostfassade am heutigen Kurt-Weill-Weg gelegen, wird durch eine aufgeständerte Terrasse bestimmt, die auf E+1-Ebene am Gebäude entlang verläuft, und somit die Wirkung der ansteigenden Straße ausgleicht. Zur Zeit der Planung des Kulturhauses führte die Gartenstraße über das Sauerfeld bis hin zu Schillerstraße.

Optisch wirkt das Gebäude eingeschossig. Fensterbänder bestimmen die Fassade. Die Kupferblechverkleidung beginnt unmittelbar über den Fenstern und bedeckt fast die gesamte obere Hälfte der Wand. Auch hier trennt eine klare Kante den Wand- vom Dachbereich. Die Ecke zur Südseite springt zurück und ist abgeschrägt, sodass ein Platz entsteht, der als Restaurantterrasse genutzt wird. Eine Pergola setzt sie von der umgebenden Grünanlage optisch ab.

Über einen Wandvorsprung setzt sich die Fassade fort, indem zwei Wände winklig ineinanderlaufen. Aufgrund der Höhenversprünge läuft die von Westen kommende Wand durch, sodass interessante Stufungen im Dach entstehen. Im Restaurantbereich bilden die Fenster bodentiefe Bänder, im südwestlichen Teil der Fassade hingegen sind drei hochrechteckige Fensterbänder eingebaut, deren oberer Teil keilartig nach vorne ragt. Der Restaurantbereich ist durch Sichtbetonelemente, die über die Dachlinie hinausreichen herausgehoben. Der übrige Teil der Fassade schließt wiederum mit dem Kupferblech ab, das in den Dachbereich übergeht. Hier ist offensichtlich die größte Wirkung des Daches, das über verschiedene, abgestufte Ebenen bis zum „Gipfel“ des Bühnenturms ansteigt.

Schließlich befindet sich in der Südwestecke des Gebäudes die Bühnenanlieferung, die weit zurückspringt und damit eine Leerstelle bildet, die durch den Blick nach oben zur Spitze des Bühnenturms kompensiert wird.

Die sehr unterschiedlichen Ansichten des Gebäudes werden u.a. durch die „Außenhaut“ zusammengefasst. Nahezu der gesamte Bau ist mit einem Spritzputz versehen, der mit einem hellen, aber kräftigen Blau gestrichen ist. Durch die grobe Körnung wird das Licht gebrochen und belebt die Oberfläche. Im Wechsel zu den Putzflächen gibt es vor allem in den Außenanlagen (Treppen/Zuwegungen) und im Restaurantbereich Sichtbeton, dessen Oberfläche ursprünglich naturfarbig gehalten und mittels der Schalung strukturiert war. Ein weiteres Element sind die Holzfenster und Holzelemente, die zunächst hell (naturholzfarbig) und nun dunkel lasiert sind; auch sie bestimmen maßgeblich den Bau. Schließlich trägt die dunkle Kupferabdeckung, die Teile von Wänden und Dach überzieht, zum Charakter des Gebäudes bei. Vor allem die „Dachlandschaft“ bestimmt das Erscheinungsbild des vielschichtigen Baukörpers.

 

Das Innere:

Kern des Kulturhauses ist der große Theatersaal mit Bühne und Orchestergraben. Da jedoch in einem Mittelzentrum wie Lüdenscheid mit knapp 80.000 Einwohnern die Notwendigkeit besteht, verschiedene Einrichtungen in einem Bau zu vereinen, gibt es neben dem Theatersaal, der auch zusammen mit der Bühne als Festsaal genutzt werden kann, weitere Räume: Drei weitere Säle in unterschiedlicher Größe, die zu Vortrags-, Konzert- oder Darstellerzwecken zur Verfügung stehen, sowie natürlich ein -heute leerstehendes- Restaurant mit Außenanlagen als auch eine Schänke, welche heute als ASIA-Kampfkunstzentrum genutzt wird. Der ursprüngliche Gedanke im Rahmend Planung des Gebäudes lag darin, Besucher und Künstler zusammen zu bringen.

Die Zuordnungen der verschiedenen Räumlichkeiten ergeben sich aus den Abläufen.[1] Der Eingang wurde auf die stadtzugewandte Nordseite gelegt und so der Bezug zur Kernstadt hergestellt. Hinter der Kassenhalle öffnet sich die überwiegend in Sichtbeton gehaltene und mit Steinfußboden ausgeführte Garderobenhalle. Im Bereich der Garderobe selbst beginnt jedoch die Holzverkleidung der Decke. Zwei ebenfalls aus Sichtbeton, elegant geführte Treppenanlagen führen zum darüber liegenden Foyer.



[1] Nikolaus Ruff, Neues Bauen. In: Deutsche Bauzeitung, H. 1, 1982, S. 12-17, hier S. 13.

Das großzügige Foyer dient als Verteilerraum zu den kleineren Sälen, die – bis auf den gelben Saal (auch Chorgarderobe) – mittels Falttüren mit dem Foyer zusammengelegt werden können, sowie zum Restaurant und natürlich auch zum großen Festsaal. Die Ausstattung des Foyers und der anliegenden Säle unterscheidet sich von der Garderobenhalle. Parkettboden und Holzdecke vermitteln ein warmes Raumklima. Hierzu tragen auch die tragenden Leimbinder bei, die auf skulptural ausgeformten Konsolen der Betonwände aufliegen.

Wände und Treppen sind aus Beton ausgeführt. Neben dem abwechslungsreichen Nebeneinander der unterschiedlichen Materialien entsteht durch die skulptural ausgeformten Treppen, die Geschossüberschneidungen und die unregelmäßig verlaufenden Wände und Decken eine spannungsvolle Raumsituation. Dieses Spannungsverhältnis von Form und Material wird im Fest- oder Theatersaal fortgeführt, indem die Besucherränge nicht regelmäßig angeordnet, sondern in blockartige Terrassen mit unregelmäßi-gen Balustraden aus Sichtbeton aufgeteilt wurden und die Wände und Decken in kristallinen Struktu-ren teils aus Sichtbeton, teils holzverkleidet den Raum umschließen.

Neben diesem Bereich, der für den Besucher vorgesehen ist, besteht ein Bühnenteil mit moderner Theater- und Vorführungstechnik mit den entsprechenden Räumen, Magazinen und Garderoben für die Künstler und Künstlerinnen. Künstlerische Ausgestaltung und Kunst am Bau: Der Architekt Nikolaus Ruff von dem Büro Gutbrod/Henning/Peters/Billing/Ruff schreibt in der Deut-schen Bauzeitung: Ein Bau ist erst wirklich vollständig, wenn er durch die bildenden Künste unterstützt und ergänzt wird. Das Foyer erhielt auf der theaterseitigen Sichtbetonwand und entlang der großen Nordtreppe je eine Wandmalerei von Romuald Hengstler aus Rottweil, die in ihrer Farbigkeit mit einem einzigen Motiv die Farben der umgebenden Räume aufgriff und miteinander verwob. Vor der abgewinkelten Fensterfront der Nordtreppe steht auf einem mit Parkett belegten Podest eine Marmorskulptur „Doppelkopf-scheibe“, die von dem Stuttgarter Künstler Herbert Baumann geschaffen wurde. Sie fungiert als Scharnier zwischen den Ebenen und soll den Publikumsstrom von der Garderobenhalle zum Foyer hinauflenken. Weiterhin ergänzen Tafelbilder und Wandplastiken von Jiri Hilmar und Wilhelm Wessel die künstlerische Ausstattung.

In der Grünfläche vor den Außenterrassen des Restaurants wurden die drei Edelstahlkörper (ohne Titel) von Ansgar Nierhoff und ein Edelstahlwürfel (ohne Titel) von Erich Hauser platziert. Diese Kunstwerke standen ehemals auf dem Lüdenscheider Rathausplatz. Architekturhistorische Zusammenhänge: Rolf Gutbrod baute zwischen 1954 und 56 zusammen mit Adolf Abel die Liederhalle in Stuttgart, ein Komplex aus verschiedenen Konzert- und Vortragssälen, die durch ein Foyer zusammengeführt werden. Insbesondere die terrassenförmig, zu Gruppen zusammengefassten Zuhörerreihen kommen dort schon vor. Diesen Gedanken nahm vor allem Hans Scharoun beim Bau des Konzertsaals der Berliner Philharmonie 1960-63 wieder auf und bezeichnete es treffend als „aufsteigende Weinberge“.

Auch der stufenweise Anstieg des Daches legt einen Vergleich mit dem Berliner Bau nahe, obwohl es auf gänzlich andere Art und aus gänzlich anderen Gründen vorgenommen wurde. In Lüdenscheid dimensionieren verschiedene Dachneigungen die Höhensprünge und bringen sie in einen Zusam-menhang, starke Gliederungen und Rhythmisierungen der Masse antworten der Stadtumgebung. Kurz, die Abstufung und Gliederung des Daches soll dazu dienen, die Baumassen in das städtische Umfeld zu integrieren und nicht zu den bestehenden Dominanten – wie dem Kirchturm – in Konkur-renz zu treten. Die beiden hier genannten für Lüdenscheid durchaus erkennbaren Bezugspunkte finden auch schon in einer der ersten Darstellungen über die Nachkriegsarchitektur in Deutschland Erwähnung. Die von dem planenden Büro gewählten Bauformen erinnern zudem an „anthroposophische Architek-tur“, die dasselbe Büro nahezu gleichzeitig in der Freien Waldorfschule auf der Uhlandshöhe in Stutt-gart verwirklicht hat. Schon von Rudolf Steiner selbst 1923 begonnen, ist die Freie Waldorfschule auf der Uhlandshöhe zu einem kulturellen Zentrum der anthroposophischen Bewegung in der Region geworden und somit sind die dort errichteten Gebäude richtungsweisend für die „anthroposophische Architektur“. Der dort 1977 verwirklichte Festsaal ähnelt dem in Lüdenscheid vor allem in der skulpturalen Ausformung.

In der Beschreibung heißt es: Die großen Beton-Massen scheinen nicht erdrü-ckend; durch wohlüberlegte Verwerfungen, Faltungen und eine lebendige Strukturierung wird eine beschwingte Geste erzeugt und damit der feierliche Charakter des Gebäudes betont. Eine Charakterisierung, die auch auf den Lüdenscheider Festsaal zutrifft. Die Bauaufgabe Stadthallen haben sich Ende des 19. Jahrhunderts aus Konzerthäusern, Theaterbauten und Ausstel-lungshallen als eigene Baugattung herausgebildet. Auch in der Zwischenkriegszeit wurden Stadthallen, große Gemeindezentren und andere große Versammlungsstätten gebaut. In der jungen Bundes-republik spiegeln sie die demokratische Gesinnung eines konstitutionellen Neubeginns. Somit ändert sich die Bauaufgabe, denn aus den Stadthallen werden Kulturzentren, wie in Lüdenscheid ein Kulturhaus. Im Zuge der kommunalen Neugliederung um 1975 wurden neue regionale Zentren gebil-det, die auch eine Neuorganisation des kulturellen Angebots nach sich zog. So ist es vermutlich keine Absicht und schon gar nicht als Bezug auf die DDR zu verstehen, wenn der dort gebräuchliche Na-men „Kulturhaus“ auch in Lüdenscheid Verwendung fand. Aber die gesellschaftlichen Funktionen des Kulturhauses entsprachen sich doch: Es ging darum, einen Ort mit vielfältigen Möglichkeiten zu schaffen, an dem in einem großen Fest- und Theatersaal Großveranstaltungen, aber auch in kleineren Sälen und Räumlichkeiten Bildungsveranstaltungen, Vorträge und Diskussionen stattfinden konnten. Schließlich sollte ein Restaurant mit Außengastronomie das gesellschaftliche und gesellige Gespräch fördern.

Begründung

Das Kulturhaus in Lüdenscheid ist bedeutend für die Geschichte des Menschen, hier für die Stadt-geschichte von Lüdenscheid, da hier erstmalig ein Forum für Theater, Konzerte und Veranstaltungen geschaffen wurde, das – anders als beispielsweise die Schützenhalle – an keine gesellschaftliche Gruppierung gebunden war und damit der gesamten Stadtgesellschaft als öffentlicher Raum für alle kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen in der Stadt zur Verfügung stand. Der Anspruch, der damit verbunden war, macht sich auch in der gehobenen Ausstattung und in der aufwendigen Architektur bemerkbar, die weit über einen Zweckbau hinausging. Neben dem großen neuen Rathaus von 1964, das die Verwaltung der wachsenden Stadt auf dem Rathausplatz im Westen der Altstadt repräsentierte, gab es nun auch ein kulturelles Pendant, das südlich an die Kernstadt andockte. Nur kurze Zeit nach Fertigstellung des Kulturhauses wurde von einem der Architekten – Nikolaus Ruff – auch der dem Kulturhaus gegenüberliegende Bauteil B der Lüdenscheider Museen aus Glas und Stahl entworfen, sodass hier über das Kulturhaus hinaus eine Art „Kulturforum“ entstand. Dies war für eine Stadt dieser Größe ein durchaus ambitioniertes Vorhaben. Zugleich ist das Kulturhaus Ausdruck der kulturpolitischen Leitlinien der 1970er-Jahre in der Bundes-republik, die die kommunalen Bildungseinrichtungen gestärkt sehen wollten.

Voraussetzungen für ein Haus dieser Größenordnung waren sicherlich auch die Verbesserung der Infrastruktur, wie die Auto-bahnanbindung, die nur etwa 12 Jahre vorher stattgefunden hatte und die kommunale Neugliederung, die größere Verbünde schuf. Weiterhin ist es bedeutend für Städte und Siedlungen, da es auch Ausdruck der Bündelung von öffentlichen Funktionen in einer Kreisstadt ist. Der Märkische Kreis in seiner heutigen Form entstand ebenfalls im Zusammenhang mit der Kommunalreform von 1975. Obwohl sich auch in Altena und Iserlohn Verwaltungsgebäude des Märkischen Kreises befinden, ist der Hauptsitz mit dem Kreishaus in Lüdenscheid. So gilt zumindest der südliche Teil des Kreises als Einzugsgebiet der Stadt Lüdenscheid und „rechtfertigt“ übergeordnete Einrichtungen, wie beispielsweise ein Kulturhaus. Für die Erhaltung und Nutzung liegen wissenschaftliche, hier architekturgeschichtliche Gründe vor. Das im Großbau (Stadthallen, Museen, Schulen, etc.) sehr erfahrene Architekturbüro Gut-brod/Billing/Peters/Ruff hat hier einen spannungsreichen, für seine Aufgaben gut durchdachten Bau erstellt, der sowohl in der Außengestaltung sehr ansprechend und in die Umgebung überlegt einge-passt ist als auch in seinen Abläufen einem wohl konzipierten Plan folgt. Das Büro profitierte von sei-ner Erfahrung, die einer der Architekten – Rolf Gutbrod – schon 25 Jahre früher mit der Liederhalle in Stuttgart (seit 1987 unter Denkmalschutz) gemacht hatte. Sowohl funktionale Erfordernisse als auch gestalterische Gegebenheiten spielten für die Planung des Kulturhauses in Lüdenscheid immer noch eine Rolle.

Der Umgang mit den Materialien zeigt, wie kleinteilig und detailliert in dem großen Gebäude geplant und vorgegangen wurde. Die Prägungen der verschiedenen Schalbretter im Sichtbeton oder die Auswahl der lasierenden Farben der Holzverkleidungen zeigen, welcher Wert dem Detail zugemessen wurde. In der Dissertation über Rolf Gutbrod wird das Kulturhaus Lüdenscheid aufgeführt. Weiterhin liegen künstlerische Gründe vor, da die vom Architekten und von einer Kunstkommission für das Kulturhaus ausgesuchten Kunstwerke wichtige Bestandteile des Gebäudes sind und damit auch ein Beleg für die Kunst der späten 1970er-Jahre sind. Sie dienen zur Qualitätssteigerung und sollen der Erwartungsstimmung entsprechen oder diese vorbereiten. Schließlich sind städtebauliche Gründe anzuführen, da das Gebäude sowohl nach Norden und Westen auf die Altstadtbebauung reagiert, als auch nach Süden zum Stadtgarten bzw. zu den Lüden-scheider Museen in Szene gesetzt wird. Während das Kulturhaus auf der Nord- und Westseite auf eine Straßenbebauung antwortet, öffnet es sich auf der Südseite eingeschossig zum Stadtgarten. Die polygonale Dachlandschaft antwortet auf die Eingangshalle der Lüdenscheider Museen, die ebenfalls in geometrische Formen aufgebrochen ist. Nicht zuletzt erinnern die schmalen Stahlsprossen der Glaswände der Museumseingangshalle optisch an die Falzstege der Kupferbleche des Kulturhausda-ches. Insgesamt beansprucht das Kulturhaus als architektonische Großform Aufmerksamkeit, ohne jedoch die alten prägenden Gebäude wie die Erlöser- oder die St. Joseph und Medardus Kirche zu bedrän-gen.