152. Bräuckenstraße 95 (Fabrikhallen Hesse & Jäger)

Eine undatierte Ansicht der Fabrikhallen der ehem. Firma Hesse & Jäger
Eine undatierte Ansicht der Fabrikhallen der Firma Hesse & Jäger

Der Gebäudekomplex setzt sich aus zwei hallenartigen Baukörpern in einer Ziegelstein/ Putzarchitektur zusammen. Der Hauptbaukörper, die ehemalige Walzhalle, besteht aus einem ca. 33,00 Meter langen und ca. 21,00 Meter breiten Bau unter einem giebelständigen Mansardgiebeldach. Die ehemalige Glühhalle besteht aus einem ca. 14,50 Meter langen und ca. 11,30 Meter breiten Bau unter deinem giebelständigen Satteldach. Beide Baukörper sind traufseitig verbunden.

Die genieteten Fachwerkbänder beider Hallendächer liegen auf den Außenmauern, hier im Bereich der Vorlagen, in dem Verbindungsbereich beider Hallen auf einem zweifach geständerten Unterzug auf. Die geschossübergreifende Gliederung des Giebels der ehemaligen Glühhalle wird dabei durch zwei Backsteinvorlagen und ein axiales dreibahniges Thermenfenster, des Giebels der ehemaligen Walzhalle durch vier Wandvorlagen und ein ebenfalls axiales vierbahniges Thermenfenster erzielt. Im Gegensatz zur Rückseite ist die Vorderseite -die Schauseite- in den Feldern geputzt. Die so gegliederten Giebel werden durch erdgeschossig angeordnete Eisensprossenfenster belichtet. Im Bereich der Walzhalle ist allerdings das dortige rechte Fenster zu einem Tor umgerüstet worden.

In den Giebeln der Walzhalle betont je ein rundes Eisensprossenfenster die die Thermenfenster begleitenden Felder. Die westliche Trauffront der Walzhalle wird durch sieben dreiachsige Eisensprossenfenster belichtet. Jedes dreiachsige Fenster steht dabei in einem rahmenden Putzfeld. Die Dächer sind mit Pfannen eingedeckt und mit firstbegeleitenden Lüftungsbauten versehen. Die vom Lüdenscheider Baugeschäft Wilhelm Feldmann & Co errichteten Werkhallen der Knopffabrik F.W. Noelle und späteren Maschinenfabrik Hesse & Jäger sind bedeutende Dokumente für Lüdenscheid und Westfalen.

Die Fabrikanlage, die anfangs der Knopfproduktion als einer de wichtigsten Industriezweige Lüdenscheids diente, ist ein herausragendes Zeugnis für die Reformbewegung vor dem ersten Weltkrieg, die im benachbarten Hagen eines der europaweit wichtigsten Zentren hatte. Äußeres Zeichen dieser Reformbewegung war der Jugendstil, der aus der Arts & Crafts- Bewegung in England entstand und maßgeblich von Henry van de Felde in Deutschland kommuniziert wurde.

Der aus zwei hallenartigen Baukörpern bestehende Komplex verdeutlicht diese auch in Westfalen maßgeblich vom Hagener Impuls beeinflusste Architektursprache. Für die Erhaltung des Gebäudekomplexes liegen architekturgeschichtliche, künstlerische und städtebauliche Gründe vor. Die aus der Funktion resultierenden unterschiedlichen Dachgestaltung von Walz- und Glühhalle –das im Anlauf durchfensterte Mansardendach diente der besseren Beleuchtung, die Trichterform des Satteldachs diente dem Abziehen der Gase -spiegelt die Entwicklung im zeitgenössischen Industriebau wider, der funktionelle Vorgaben nicht mehr versteckte, sondern gestalterisch umsetzte.

Die aufwendige Fassadengestaltung von Walz- und Glühhalle, deren Frontseite durch Vorlagen gegliedert ist, die durch Materialkombination von Putz und Backstein strukturiert und durch die Verwendung von Thermenfenstern in besonderer Weise akzentuiert wird , dokumentiert die baukünstlerische Qualität des Gebäudekomplexes. Die repräsentative Fassadengestaltung spiegelt die wachsende Bedeutung der Bräuchenstraße als Erschließungsstraße für die zu Beginn des 20. Jahrhunderst neu entstehenden Siedlungsgebiete in der Umgebung wider.