180. Nordstraße 5/5a (ehem. Knopffabrik Noelle & Lange)

Von den baulichen Anlagen auf dem Grundstück Nordstr. 5/5a ist das in historistischen Formen unter Verwendung von neoklassizistischen Elementen errichtete Wohnhaus das älteste Gebäude. Der villenartige Putzbau stammt aus dem Jahre 1888 und wurde gemeinsam mit einem Vorgängerbau der Fabrik errichtet (nicht mehr vorhanden). Das auf nahezu quadratischer Grundfläche errichtete traufständige Gebäude besitzt einen repräsentativen Mittelrisalit mit Giebelfeld. Ein hoher Sockel nimmt die Höhendifferenzen des hanglagigen Grundstückes auf. Das heute mit schwarzen Betondachsteinen gedeckte Satteldach war laut Bauantrag ursprünglich mit Schiefer versehen.

Über eine offene Veranda mit Balustrade an der rechten Giebelseite, auf die eine Treppe mit schmiedeeisernem Geländer führt, erreicht man den Hauseingang. Die Veranda war ursprünglich mit einem von Pfeilern getragenen Balkon überdacht, der später geschlossen wurden. Die Fassaden des Wohnhauses sind nur zur Straßen- und Eingangsseite aufwändig gestaltet, wohingegen der linke Giebel und die Rückseite schlicht ausgebildet sind. So besitzen die repräsentativen Gebäudeseiten im Erdgeschoss einen Quaderputz, ein kräftiges Gurtgesims zwischen den Geschossen, ein Brüstungsgesims im Obergeschoss, sowie ein mehrfach gestaffeltes verkröpftes Traufgesims mit Zahnschnittfries.

Der Mittelrisalit besitzt in den Oberschossen Eckpilaster mit Kapitellen. Die hochrechteckigen Fensteröffnungen mit Putzfaschen sind teilweise mit Verdachungen versehen. Die Fenster besaßen ursprünglich eine zweiflügelige Aufteilung mit Oberlicht, die heute durch einflügelige Kunststofffenster, teilweise ohne Oberlicht, verändert ist. In der lin-ken Giebelseite wurden zwei Fenster in den 1950er Jahren durch Einbau liegender Formate verändert.

Der Wohnungsgrundriss ist einfach: ein mittiger Flur erschließt pro Etage vier Räume und eine rückwärtige Küche. Ursprünglich war nur ein WC im Erdgeschoss neben dem Eingang vorhanden, ein zweites wurde später im Obergeschoss ergänzt. Im Dachgeschoss waren neben drei Zimmern (wohl für Personal), eine Kammer und ein Bodenraum vorhanden. Im Untergeschoss gab es neben den Kellerräumen auch noch zwei weitere Zimmer. Sowohl im Treppenhaus als auch auf der Veranda ist der Fußboden mit mehrfarbigen Ze-mentfliesen („Mettlacher Platten“) belegt. Im Treppenhaus sind die bauzeitliche Holztreppe mit gedrechselten Pfosten und mind. eine bauzeitliche Kassettentüre aus Holz vorhanden.

Das rückwärtige Fabrikationsgebäude ist in seinem Äußeren das Ergebnis mehrerer Um-bauphasen. Der gemeinsam mit dem Wohnhaus errichtete Vorgängerbau wurde bereits 1903 erweitert und erhielt linksseitig einen dreigeschossigen Anbau. Mit der Aufstellung einer Lokomobile wurden 1909 das Maschinenhaus und der Schornstein erbaut. Gleichzeitig erfuhr das Fabrikgebäude rechtsseitig eine zweigeschossige Erweiterung. 1916 erhielt die Fabrik dann das heutige Erscheinungsbild, indem der Vorgängerbau abgebrochen wurde und die beiden Anbauten durch einen neuen Baukörper unter einem gemeinsamen Dach miteinander verbunden wurden. Der linke fünfachsige Gebäudeteil (Baujahr 1903) aus verputztem Ziegelmauerwerk besitzt Fenster mit Stichbögen und Sohlbänken. Die Stahlsprossenfenster sind mit kleineren Lüftungsflügeln und einem zweiflügeligen Oberlicht versehen.

Im Gebäudeinneren werden die Geschossdecken (preußische Kappendecken mit Stahlunterzügen) von Stahlstützen getra-gen. Im Treppenhaus ist die bauzeitliche Betontreppe auf Stahlträgern mit eisernem Geländer erhalten. Der Zugang in das Treppenhaus erfolgt über eine überdachte Anlieferungsrampe vom Hof aus. Die verputzte Ziegelfassade des sechsachsigen Mittelteils (Baujahr 1916) ist durch drei Mo-numentalpilaster gegliedert. Die Fenster ohne Sohlbänke besitzten einen geraden oberen Abschluss und sind zu je drei Fenstern zusammengefasst. Im Gebäudeinneren werden die betonierten Geschossdecken mit gevouteten Unterzügen von Betonstützen getragen.

Der etwas zurückspringende vierachsige rechte Baukörper (Baujahr 1909) mit geputzter Ziegelfassade besitzt in den beiden unteren Geschossen Fenster mit Stichbögen und Sohl-bänken. Das zweite Obergeschoss, das 1916 aufgesetzt wurde, ist hingegen mit Fensteröffnungen ohne Sohlbänke und mit geradem oberem Abschluss versehen. Die Stahlsprossen-fenster im mittleren und rechten Baukörper wurden wohl 1916 gemeinsam eingebaut. Sie haben ein großes kippbares Oberlicht und einen kleineren Lüftungsflügel.

Im Gebäudeinne-ren werden in den beiden unteren Geschossen die Geschossdecken (preußische Kappen-decken mit Stahlunterzügen) von Stahlstützen getragen. Im 1916 aufgesetzten zweiten Obergeschoss besteht die Konstruktion aus ausbetonierten Stahlträgern. In diese Fassade ist auch der Schornstein aus Ziegelmauerwerk integriert. Das Mansarddach wurde 1916 aufgesetzt und besitzt zahlreiche bauzeitliche Dachgauben. Die Dachgaube mit drei Fenstern und segmentbogigem Abschluss über dem linken Bauteil trug ursprünglich den Firmenschriftzug. Bis auf die dreiachsige Gaube ist die Fensterauftei-lung von Fassade und Dach auf der Gebäuderückseite entsprechend der Vorderseite ausgeführt.

Denkmalwertbegründung Die ehemalige Knopffabrik Noelle und Lange in Lüdenscheid ist bedeutend für die Geschichte des Menschen, hier der Menschen in Lüdenscheid, weil sie ein Zeugnis der Wirtschaft- und Sozialgeschichte der Stadt Lüdenscheid darstellt. Nach dem Niedergang der Eisenverarbeitung in Lüdenscheid durch die aufkommende Kon-kurrenz des Ruhrgebietes ab Ende des 18. Jahrhunderts, stellte sich die heimische Industrie von der dominierenden Grobdrahtproduktion auf die Weiterverarbeitung von Buntmetallen um. Die Herstellung von Knöpfen wurde bald der wichtigste Industriezweig in Lüdenscheid, lockte zahlreiche Arbeiter in die Stadt und sorgte für wirtschaftlichen Aufschwung.

Während der ersten konjunkturellen Hochphase der Knopffabrikation am Ende des 19. Jahr-hunderts wurde die Firma „Noelle & Lange“ 1885 vom Kaufmann Gustav Noelle und Werk-meister Constanz Lange als „Firma für Knopf und Metallwaren“ gegründet. Beide Gesell-schafter gehörten der einflussreichen Lüdenscheider Unternehmerschicht an. 1887 folgte der Bauantrag für das Wohnhaus mit einem zunächst bescheidenen Produktionsgebäude an der Nordstraße. Bereits im Dezember 1898 wurde die Gesellschaft wieder aufgelöst, jedoch führte Constanz Lange, der ab 1892 auch alleiniger Grundstückeigentümer war, die Firma im Anschluss unter gleichem Namen unverändert weiter. Die rasche Erweiterung des bescheidenen Fabrikgebäudes lässt auf einen florierenden Ab-satz schließen. Jedoch erfolgte jede Erweiterung immer nur um die jeweils gerade benötigte Raumfläche, sodass Umbau auf Umbau folgte.

Der Betrieb beschäftigte im Jahre 1910 25 Arbeiter und gehörte damit zu den Mittelbetrieben, die für die Lüdenscheider Knopfindustrie typisch waren. Erst im Jahre 1916 erfolgt die große Investition, durch die das heutige Fab-rikgebäude entstand und die die Firma Noelle & Lange zu einem kleinen Großbetrieb macht. Nach Durchführung der baulichen Maßnahmen sollen laut Bauantrag annähernd 100 Arbeiter in dem Betrieb beschäftigt worden sein. In ihrem baulichen Bestand stellt die ehemalige Knopffabrik Noelle & Lange ein anschauli-ches Beispiel einer Knopffabrik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Lüdenscheid dar. Sie steht sinnbildlich für die zahlreichen Mittelbetriebe der örtlichen Metallwarenindustrie die zur Jahrhundertwende die wirtschaftliche Bedeutung von Lüdenscheid ausmachten und das Ortsbild prägten. Die ehemalige Knopffabrik Noelle & Lange ist darüber hinaus auch bedeutend für die Arbeits- und Produktionsverhältnisse, weil der bauliche Bestand ein anschauliches Zeugnis für die Arbeits- und Lebensverhältnisse in einer Lüdenscheider Metallwarenproduktion zu Beginn des 20. Jahrhundert darstellt.

Die Ausformung und bauliche Anordnung der Gebäude zeigt anschaulich die funktionalen Abläufe auf dem Fabrikgelände. Das mit ausreichender Geschosshöhe versehene und be-lichtete Untergeschoss diente der Aufstellung größerer Maschinen wie Pressen und Häm-mern, im rechten Bauteil befand sich die Rollerei. Im Erdgeschoss war zum Hof hin das Kon-tor und ein Privatraum untergebracht. Entsprechend ihrer Nutzung besitzen diese Räume zweiflügelige Holzfenster mit Oberlicht, die sich durch die kleinteilige Sprossenteilung an die Stahlsprossenfenster anpassen. Linkerhand und an der Rückseite befanden sich die Pack-räume, während sich im rechten Bauteil die Vernickelei befand und die unsaubere Arbeit der Beizerei in einem eigenen Anbau am Schornstein untergebracht war. In den hohen und gut belichteten Obergeschossen waren die Grundrisse für eine flexible Nutzung offen konzipiert. Hier befanden sich die Werkmeisterei und die Montiererei, während im Dachraum die Waren gelagert wurden.

Das eingeschossige Maschinenhaus aus dem Jahre 1909 wurde zur Aufstellung einer Lokomobile errichtet (Marke E8, Nr. 22872, Baujahr 1909, Firma Heinrich Lanz, Maschinenfab-rik, Eisengießerei und Kesselschmiede, Mannheim), die den größten produktionstechnischen Einschnitt für die Knopffabrik Noelle & Lange bedeutete. Nun konnten die erforderlichen Pressen, Prägen und Hämmer maschinell betrieben werden. Die Unterbringung in einem eigenen Gebäude war den Sicherheitsanforderungen an den Dampfkessel geschuldet. Das Maschinenhaus ist zwar nicht mehr erhalten, den Einsatz von Dampfkraft dokumentiert jedoch bis heute der Fabrikschornstein. Das Wohnhaus belegt im Zusammenhang mit dem Fabrikgebäude die enge Verzahnung von Wohnen und Arbeiten im Leben einer märkischen Unternehmerfamilie. Die pragmatische und bescheidene Lebensart der Bewohner spiegelt sich deutlich in der schlichten Wohnungsausstattung, die noch keine Bäder oder Bereiche für das Personal besaß. Auch die Fassadengestaltung, deren Dekoration sich ganz auf die Straßenseite beschränkt, lässt Rückschlüsse auf die Haltung der Eigentümer zu. Für die Erhaltung und Nutzung der ehemaligen Knopffabrik Noelle & Lange liegen stadtbau-geschichtliche Gründe vor, die in der für die Stadtstruktur Lüdenscheids typischen Mischung von Wohnhaus und Fabrikanlage bestehen. Bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts waren in Lüdenscheid die Fabrikationsstätten in den Wohnhäusern des historischen Stadt-kerns untergebracht.

Ab 1860 vollzog sich der Aufbau von Fabrikanlagen außerhalb des Ortskerns, sodass ein Kranz von Fabrikbauten um die Stadt entstand. Das rasche Anwach-sen der Bevölkerung sorgte für ein enges Nebeneinander von Wohnen und Produktion. Auf-grund der guten Verkehrsanbindung wurde das Viertel am 1880 eröffneten Lüdenscheider Bahnhof ein städtischer Entwicklungsschwerpunkt. Hier hatten sich bereits zahlreiche mittelständische Knopf- und Metallwerkstätten angesiedelt als die Unternehmer Noelle und Lange 1887 das Grundstück an der Nordstraße erwarben. Die ehemalige Knopffabrik Noelle & Lange steht beispielhaft für die städtebauliche Durchmischung aus Wohnhäuern und Pro-duktionsstätten in den Stadterweiterungen Lüdenscheids am Ende des 19. Jahrhunderts. Außerdem bestehen für eine Erhaltung und Nutzung der ehemaligen Knopffabrik wissen-schaftliche Gründe, die in der Architekturgeschichte liegen. Dies begründet sich in der zeit-typischen Gestaltung des historistischen Wohnhauses, das ein anschauliches Beispiel für ein Unternehmerwohnhaus des 19. Jahrhunderts in Lüdenscheid darstellt.