174. Oedenthaler Straße 105/107 (Schloß Oedenthal)

Das "Schloß" im Jahr 1903

Denkmalumfang:

Das Denkmal umfasst das gesamte Äußere und Innere des Haupthauses und der westlich anschließenden Remise. Nicht zum Denkmal gehört das östlich des Haupthauses liegende Wohn- und Wirtschaftsgebäude.

Beschreibung:

Das sogenannte „Schloss“ oder „Haus Oedenthal“ erhebt sich auf einem schmalen Berg-sporn. Von hier ist vor allem der Blick nach Norden und Süden über die umliegenden Täler möglich. Im Westen versperrt die Remise den Blick in die Ferne. Zwischen Remise und Haupthaus besteht ein schmaler Durchgang, der den Zugang zu dem hinteren Teil des Hau-ses erlaubt. Das abfallende Gelände war durch Treppen, Terrassen und Substruktionsmau-ern gestaltet und führte einst in den Garten, der sich in dem südlich anschließenden Tal be-fand, während vor dem Hauptgebäude die Zu- und Auffahrt bzw. weiter östlich der Wirt-schaftshof war.

Ein Bild aus den 1930ern

Aufgrund von fehlenden Bauakten muss die Baubeschreibung in vielem ungenau bleiben. In der Literatur heißt es, das Gebäude wurde nach einem Brand 1865 neu errichtet. Stil und Bauweise stützen diese Aussage. Allerdings könnten die Gewölbekeller vom Vorgängerbau stammen. Das Hauptgebäude setzt sich aus drei Elementen zusammen. Einem quadratischen, zwei-geschossigen Wohnteil, einem in Nordsüdausrichtung längsrechteckigen Teil mit Wirtschafts-, Verwaltungs- und weiteren Räumen sowie einem beide Teile verbindenden Treppenturm, der beide Hausblöcke überragt und mit einem Pyramidendach abschließt.

Die charakteristischen Ecktürme sind leider bei einer der letzten Restaurierungen zurückgebaut worden. Die Fensterachse des Treppenhausturms ist besonders herausgehoben. Das Eingangsportal mit Oberlicht (die wohl bauzeitliche Haustür ist mit Brettschalung verkleidet) ist von einem brüstungsartigen Vorsprung mit einem Kielbogenabschluss überfangen. Über dem Scheitel der Türeinfassung prangt das Wappen der Bauherrn, der von Holtzbrinck. Auf dem Wohn-flügel wird der Wandschmuck des Treppenturmes fortgesetzt. Die dreiachsige, zweigeschossige Fassade weist im Erdgeschoss drei große hochrechtecki-ge Fenster mit Tudorbogenabschluss auf, während im Obergeschoss immer zwei Fenster gleicher Form unter einer abgewinkelten Traufleiste gekoppelt werden. Geschoss- und Traufgesims gliedern die Fassade.

Die Ecken werden durch vorstehende achteckige Eck-lisenen hervorgehoben, die sich bis zur Traufe fortsetzen. Der niedrigere, aber ebenfalls zweigeschossige Wirtschaftsflügel auf der östlichen Seite des Treppenhauses weist wesentlich kleinere und einfacher geformte Fenster auf. Die Fassade ist auch nur mit einem Konsolgesims unter der Traufe verziert. Diese offensichtliche Abstu-fung der Gebäude setzt sich auf der Rückseite des Gebäudes fort. Das Gebäude erschließt sich über das Treppenhaus. Die sehr schön gearbeitete, bauzeitliche Treppe erschließt die Geschosse. Auch die Türen mit den Verdachungen über den Rahmen sind noch vorhanden. Ungewöhnlich sind die Türen auf den Treppenabsätzen (vielleicht ein kurze Zeit später oder gar bauzeitlich hinzugefügter Abtritt (Abort)).

So sah es 1910 aus

Die Räume im westlichen Wohnteil sind sehr großzügig dimensioniert und untereinander mit Doppeltüren verbunden. Stuckelemente sind nur sehr spärlich vorhanden, der Schmuck war vermutlich direkt auf die Wand oder auf eine Tapete aufgemalt. (Insofern sollte bei Restau-rierungsarbeiten umsichtig vorgegangen werden.) Im Wirtschafts- und Verwaltungsteil sind die Räumlichkeiten entsprechend kleiner, die Türen einfacher. Hier gibt es einen weiteren Eingang, der zum Wirtschafshof führt.

Er führte unter anderem zur Küche und vermutlich Verwaltungsräumen im Erdgeschoss. Eine Treppe führte von hier in den Keller und das Obergeschoss, wo sich eventuell Schlafräume befanden, so-dass das Personal nicht die Haupttreppe benutzen musste. Insgesamt ist die wandfeste Ausstattung in diesem Flügel einfacher als in dem Wohnflügel. Die Remise zeigt die gleiche Bauzier wie der Wirtschafts- und Verwaltungsflügel des Haupt-hauses. Die Wände sind glatt geputzt, nur unter der Traufe befindet sich ein umlaufendes Konsolgesims. Auf der Nordseite ist das große Tor, das ebenfalls mit einem Tudorbogen überfangen ist.

Neben verschiedenen Nebenräumen führt eine Stiege ins Obergeschoss, wo sich die Kutscherwohnung befand. Bauherr dürfte Heinrich Wilhelm von Holtzbrinck (1809-1877) gewesen sein, der als hoher preußischer Beamter (von 1863-1874 Regierungspräsident in Arnsberg) die neugotischen Profanbauten der Berliner Schule zum Vorbild nahm. Die englische Neugotik wurde fast ausschließlich für Landschlösser und Wohnhäuser verwendet, sodass sie in Oedenthal genau passend erschien. Initialbau war Schloss Babelsberg bei Potsdam, das in Etappen von den Architekten Schinkel, Persius, Strack und Gottgetreu im Stil der englischen Gotik errichtet wurde. In der näheren Umgebung waren es eventuell die Pläne von Ritter für den Ausbau der Burg Altena, die den Bauherrn beeinflussten.

Das aus den Musterbüchern gegebene Vokabular war: asymmetrischer Grundriss, ebensolcher Aufriss, ein Wechsel verschieden hoher und verschieden geformter Bauteile: Zinnen oder relativ flache Satteldächer überragt von höheren, oft zu rechteckigem Abschluss hochgezogenen Giebeln, häufig Quergiebel, …; rahmende Pfeiler, meist achtkantig mit erhöhter rundlicher oder spitzer Endigung; …; in den Fensterformen neben dem Tudorbogen meist rechteckige Fenster mit einer abgewinkelten Traufleiste, die oft zum hauptsächlichen Kenn-zeichen des Stiles wird. Aus diesem Vorrat, den auch Babelsberg wie eine Musterkarte bot, wählten die Schinkelschüler im Falles eines Auftrages – man kann fast sagen nach Belieben. (Quelle: Eva Börsch-Supan, Berliner Baukunst nach Schinkel 1840-1870, München 1977, S.153).Diese Textpassage liest sich auch für Haus Oedenthal wie ein Musterbuch.

Begründung:

„Haus Oedenthal“ ist bedeutend für die Geschichte des Menschen, hier für die Menschen in Lüdenscheid, da es sich neben Schloss Neuenhof um einen der ältesten Wohnstandorte ver-schiedener adliger Familien in Lüdenscheid handelt. Das 1865 errichtete Gebäude steht im Zusammenhang mit der Familie von Holtzbrinck, die für die Regionalgeschichte der Graf-schaft Mark bzw. der preußischen Provinz Westfalen von hoher geschichtlicher Bedeutung ist. Für die Erhaltung und Nutzung liegen wissenschaftliche, hier architekturgeschichtliche Gründe vor, da es sich um einen in Westfalen – abgesehen von Schloss Herdringen – nicht so häufig vorkommenden Bau der englischen Neugotik handelt. Insgesamt ist Erhaltungs- und Überlieferungszustand recht gut, da vor allem im Inneren noch viel der wandfesten Ausstattung erhalten ist.