109. Corneliusstraße 1
Denkmalwertbegründung
Wohn- und Geschäftshaus
Bei dem Gebäude Corneliusstraße 1 handelt es sich um ein dreigeschossiges traufenständiges Wohn- und Geschäftshaus mit einhüftigem Mansarddach von 8 Achsen Breite, das 1913 erbaut wurde. Das Erdgeschoß ist relativ schlicht gehalten; der Geschäftsraum besitzt noch die originalen Schaufenster links und rechts des ursprünglichen, leicht zurückgelegenen Zugangs. Rechts des Ladens ist der Eingang zu dem in die Obergeschosse führenden Treppenhaus abgeordnet. Diese Haustür wird durch dorische, in die Gewänderrücksprünge eingestellte Säulen flankiert und von einem vorkragenden Architrav mit bekrönendem palmettenartigen Dekor eingerahmt.
Die beiden Obergeschosse werden durch ein vorkragendes Horizontalgesims, das von kurzen, breiten Konsolen unterstützt wird, vom Erdgeschoß abgesetzt. Die beiden Obergeschosse werden in der Breite der Schaufensteranlage durch eine Kolossalordnung in Form ionisierender Pilaster zusammengefasst. Die beiden rechten Fensterachsen, die sich über dem Hauseingang befinden, sind von dieser oben beschriebenen Gliederung ausgeschlossen. Sie werden lediglich durch das weit vorkragende Abschlussgesims in die Fassadengliederung einbezogen. Ebenso zog sich das bekrönende Gitter über dem Traufgesims bis zu den äußeren rechten Kanten des Gebäudes. Das o.g. Objekt ist für die Geschichte der Stadt Lüdenscheid bedeutend, weil es in besonderem Maße geeignet ist, die Stadtentwicklung Lüdenscheids zu dokumentieren:
Die Corneliusstraße zeichnet den Verlauf des ehem. Stadtgrabens, der bereits 1723 eingeebnet war, nach. Die Reste der Stadtmauer verschwanden erst 1816, als mit der Bebauung am ehem. Westtor begonnen wurde. Das Grundstück Corneliusstraße 1 wurde vermutlich bis 1830 erstmals bebaut. Die Errichtung eines Wohn- und Geschäftshauses kurz vor dem 1. Weltkrieg an einer Nebenstraße im Innenstadtbereich weist auf die wirtschaftliche Situation Lüdenscheids zu dieser Zeit hin: Entlang der Hauptdurchgangsstraße Lüdenscheids sind im letzten Viertel des 19.Jh. fast durchgehend Neubauten entstanden; die Errichtung eines repräsentativen Wohn- und Geschäftshauses im Lüdenscheider Innenstadtbereich während des 1. Viertels des 20.Jh. war deshalb nur noch an den Nebenstraßen - in möglichst großer Nähe zur Hauptstraße - realisierbar. Diese Situation, die sich noch heute anhand der Bebauung der Wilhelmstraße ablesen lässt, belegt Lüdenscheids Entwicklung zum regionalen Zentrum nicht nur hinsichtlich der Industrieansiedlung, sondern auch des Handels.
Die Kombination eines Geschäftsraumes (im Erdgeschoß) und von Wohnräumen (in den Obergeschossen) folgt dem traditionellen, jahrhundertalten Typus des Wohn- und Geschäftshauses; die geschoßweise Trennung beider Funktionen und die Anlage großer Schaufenster entspricht der allgemeinen, Ende des 19.Jh. einsetzenden Entwicklung. Infolge der modernen Ladenumbauten haben sich aber nur wenige Wohn- und Geschäftshäuser in der ursprünglichen Gliederung erhalten. Deshalb ist es von besonderem Wert, daß sich bei dem Gebäude Corneliusstraße 1 nicht nur die Raumfolge im Obergeschoß erhalten hat, sondern auch die Schaufensteranlage einschließlich des leicht zurückgelegenen Ladeneingangs in der ursprünglichen Form überliefert ist.
Die Andeutung eines rustizierten Erdgeschosses, die Zusammenbindung der Obergeschosse durch Kolossalordnung und die Andeutung eines Attikageschosses durch die Dachneigung und das abmontierte, noch vorhandene Gitter greifen auf die Palastarchitektur zurück, wie sich dies bei zahlreichen Kaufhäusern des späten 19.Jh. und beginnenden 20.Jh. findet. Die Detailausbildung und die geringe Plastizität jedoch weisen deutliche Züge der Erbauungszeit auf. Der Rückgriff auf Stilelemente vergangener Epochen mag durch die Nähe zu den historischen Gebäuden entlang der Wilhelmstraße motiviert sein; möglicherweise war daneben auch beabsichtigt, dem Geschäft durch die in gewissem Maße konservative Gestaltung der Hauptfassade den Charakter eines alt eingesessenen Unternehmens zu verleihen.
Aufgrund seines hervorragenden Überlieferungszustands ist das Gebäude außerdem geeignet, Einblicke in die Wohn- und Arbeitsverhältnisse eines Geschäftsmannes während des 1. Drittels des 20.Jh. in einem regionalen Zentrum zu vermitteln: Während in den Großstädten im Laufe des 1. Drittels des 20.Jh. eine Konzentration des Warenangebots in großen, umfassenden Kaufhäusern angestrebt wird und dies Anlass zu Kaufhausneubauten bietet, wird in Lüdenscheid an dem traditionellen Wohn- und Geschäftshaus festgehalten.
Als gut erhaltenes Beispiel für ein Wohn- und Geschäftshaus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg in einem regionalen Zentrum nimmt das Gebäude Corneliusstraße 1 eine wichtige Stellung innerhalb der historischen Entwicklung dieses Haustyps ein.
Neben dem wissenschaftlichen Interesse sich auch städtebauliche Gründe zu nennen, da dieses Gebäude im direkten Anschluss an die nördliche Bebauung der Wilhelmstr. in die historische Bebauung der Hauptdurchgangsstraße einbezogen ist.